Schwammintelligenz (1): Urknallköpfe

Sonntag, 24. März 2013 22:20

Wenn 1.000 Menschen sich versammeln, um ein Problem zu lösen, stehen 999 blöd rum und warten darauf, den einen, der die richtige Antwort findet, anzuspucken und in die Wildnis zu jagen. So geht das schon, seit wir aufrecht über den Planeten laufen. Die ungeheure Sturheit, mit der Menschen ihre Vorurteile und ihr Halbwissen verteidigen, wird allenfalls von der Ranküne übertroffen, mit der sie jeden verfolgen, der nicht so dumm und selbstzufrieden ist wie sie selbst.

Deshalb ist es kaum mehr als eine sympathische Schnapsidee gewesen, vom Internet zu erwarten, es würde die Weisheit der Spezies exponentiell mit jedem angeschlossenen User erweitern und den Traum der Aufklärer, das Mündigwerden des Menschen, endlich realisieren. Wie wir mittlerweile beobachten können, ist die Menschheit eher noch dämlicher geworden durch das weltweite Gewebe und Gewese. Wie sonst ließe sich etwa erklären, daß Ackermann und Spießgesellen nicht in einer Heringskonservenfabrik Fischaugen ausdrücken müssen, sondern nach dem von ihnen angerichteten Schaden noch frecher sich spreizen als zuvor? Obwohl Belege für die skrupellose Geschäftspraxis der Großbanken auf ca. 1 Mio. Servern weltweit geparkt und mit einem Rechercheaufwand von ca. 1 Sek. zu finden sind – wählen die Leute CDU oder Tories oder sonst wen, der alles dafür tut, daß gegen den Wahnsinn als System nichts getan wird. Denn der Mensch mit Maus sucht nicht nach Daten, sondern nach Pornos und Schnäppchen und garantiert erfundenen Klatschgeschichten.

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Scarlett Johansson total nackt!

Dienstag, 19. März 2013 17:26

Ja, das hätten sicherlich viele Herrn gern, die gehört haben, daß der talentierteste und schönste Jungstar Hollywoods in Sacha Gervasis „Hitchcock“ als Imitatorin von Janet Leigh bella figura macht. Doch so züchtig wie in der nachgestellten „Psycho“-Duschszene war die begnadete Schauspielerin seit langem nicht mehr zu sehen. Nicht nur deshalb huldigt Kay Sokolowsky in der Rezension, die er zu Gervasis Spielfilmdebüt für die Märzausgabe von Konkret verfaßt hat, nicht Ms. Johansson, sondern einer gleichfalls gesegneten Schauspielerin. Wem genau und warum, können Sie gegen Zahlung eines angemessenen Entgelts an den Zeitschriftenhändler Ihres Vertrauens nachlesen. Auf echtem Papier! Mit Buchstaben, die auch bei Sonnenschein nicht verblassen! Jedenfalls nicht sofort. Aber beeilen Sie sich! Nächste Woche erscheint bereits das Aprilheft.

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Der Blogger ist blockiert (6): Memo

Mittwoch, 20. Februar 2013 13:14

Dienstag, 19. Februar, Viertel vor zwölf. Ein scharfes Brennen auf den rasierten Leisten, den Genitalien, den Innenseiten der Schenkel: Das ist das Aseptikum. Ein tiefer Stich in die linke Leiste: Das ist die lokale Betäubung. Ein Knittern und Flattern: Das ist die Plane, mit der ich abgedeckt bin. Ein Dusel im Kopf und ein Bedürfnis, der ganzen Welt zu vergeben: Das ist das Valium. Ein Druck an Schambein und Blase: Das ist der Katheter. Eine jähe Hitze in der rechten Seite, von der Leiste bis zum Oberschenkel: Das ist das Kontrastmittel. Ein Summen und Klacken: Das ist der Motorarm der Röntgenkamera. Ein Schieben in der Bauchhöhle, ein Stochern und Ziehen: Das ist wieder der Katheter. Ein Glühen in der rechten Leiste: Das ist wieder das Kontrastmittel. Ein Schwellen und Zerren am rechten Adduktor: Das ist der Arterienballon. Ein Quetschen: Das ist der Stent. Und das ist dann erst einmal alles. Abgesehen von der Hektik im Ruheraum und von der Wundkompresse und von der Schmerzattacke im Gesäß und von der Hoffnung, daß alles gut geht.

Am Nachmittag darf ich jedenfalls schon wieder nach Hause.

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Der Blogger ist blockiert (5): Statusreport

Montag, 18. Februar 2013 15:59

Wie sagt der Volksmund? Auf einem Bein kann man nicht stehen. Ich kann jetzt auf zwei Beinen nicht mehr stehen. Das linke wollte vor vier Wochen nicht mehr, und so begannen meine angiologischen Abenteuer. Seit dem Einsatz zweier Stents in meine rechte Herzarterie am vergangenen Dienstag hat nun auch der rechte Huf keine Lust mehr, weiter als 50 Meter zu traben. Dann sitzt ein Schmerz in der Wade wie nach einem Treppenaufstieg ins 10. Stockwerk. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Eingriff vor sechs Tagen und den Beschwerden seither bestehe nicht, wird mir versichert. Jedenfalls ist die Arterie stark verengt, und das muß sich ändern. Deshalb werde ich morgen – natürlich durch die Leiste, seufz – erneut einen Katheter eingeführt und einen Stent (siehe Bild) eingesetzt bekommen. Und womöglich werde ich Herrn G. wiedersehen. Aber das möchte ich uns beiden lieber nicht antun.

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Timmis Freunde kaufen die „Taz“ …

Montag, 18. Februar 2013 15:14

… denn darin können sie heute erfahren, wie der freundliche Igel unter die Miethaie geriet, wieviel sein alter Freund, die Hausmaus Konrad, für ein warmes Plätzchen im Heizungskeller abdrücken muß und warum Eichhörnchen Ulfs Charakter sogar noch schäbiger ist als bislang bekannt. Kay Sokolowskys aufrüttelnder Sozialreport „Kein Heim für Tiere“ liest sich übrigens am besten auf Papier. Deshalb: raus aus dem Haus und rein in den Kiosk! – Nur wer es mit den Beinen hat wie der Autor, darüber ein Attest vorlegt und außerdem ein angemessenes Flattr-Entgelt anweist, der darf die Geschichte auch online lesen. Aber sonst keiner!

Abteilung: Sokolowsky anderswo, Timmi und die Arkonigel, Timmis Freunde | Kommentare (0)

Der Blogger ist blockiert (4): Rezept

Samstag, 16. Februar 2013 0:18

Das ist nichts Neues unter der Sonne, ich weiß – aber für mich, der außer einer Gürtelrose 1991 und Migräneanfällen seit der Pubertät nichts Bedeutendes zu leiden hatte, schon ein Novum: Sobald man, weil der Organismus schwer gestört ist, mehr als zwei Medikamente einnehmen muß, sind immer Biochemikalien dabei, die eben das bewirken könnten, was andere Mixturen verhindern sollen. Die bei einigen Patienten zum Beispiel jene Nervenschmerzen auslösen, welche das Nachbarpräparat in der Pillenbox bekämpft. Beeindruckend lang sind die Listen der potentiellen Nebenwirkungen jener Tabletten, die morgens, mittags, abends in mich hineinrutschen. Leider sind die Seiteneffekte höchst selten so beruhigend ausgemendelt wie der Priapismus (Dauerständer) hie und die Erektionsstörung (Schlappschwanz) da.

Sondern meistens ist‘s zum Fürchten, was da statt Heilung angerichtet werden kann und sich zuweilen aufs scheußlichste ergänzt. Zum Glück habe ich ein Faible für Horrorstorys. Daher exzerpiere ich heute aus den Beipackzetteln meiner Artzeneyen; anderen Liebhabern des Morbiden zum Ergetzen und der Nachwelt zur Lehr‘.

Die schönste Formulierung habe ich übrigens grün eingefärbt. Denn grün ist die Symbolfarbe sowohl der Auferstehung als auch der Gifte. Und weil man ja stets das Licht in der Dunkelheit suchen soll, freut es mich, daß ich für gelegentliche Denkstörungen, Verwirrungen, Benommenheiten und Aggressionen gleich zwei Pharmaka als Ausrede anbieten kann. Was uns nicht umbringt, das macht uns nur Berserker (frei nach Fritz Nießwurtz)!

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Der Blogger ist blockiert (3): Kassiber

Donnerstag, 14. Februar 2013 22:02

Herr G. ist in Zimmer 8 der Chef oder hält sich jedenfalls dafür. Er will, nachdem ich an meinen Fensterplatz gerollt worden bin (kahle Äste vor Schiefer-
himmel), nicht wissen, wie‘s mir geht, sondern ob ich aus einem Zweibettzimmer hierher verlegt worden sei. „Nein, direkt vom OP-Tisch“, sage ich mit etwas Mühe. Das scheint den alten Mann zu verdrießen. Eventuell sammelt er Material für eine Verschwörungstheorie, die sich um seinen zweifellos skandalösen Fall dreht. Jedenfalls ignoriert er mich in den folgenden Stunden.

Erst als meine Frau mit der Übernachtungstasche erscheint, wird er wieder gesprächig. Wir wundern uns, daß zwischen Herrn G.s und meinem Bett so viel Raum ist. Das bleibe nicht so, der Mann komme bald wieder, rasselt Herr G. (er hat was mit der Lunge). „Ein Türke“, sagt er in einem Tonfall, der alles ausdrückt, wofür Thilo Sarrazin, die Niete, 500 Buchseiten braucht. – „Oh“, sage ich, „kein Problem, ich mag Türken.“ Schlagfertiger kann ich gerade nicht. Für Herrn G. reicht‘s als Provokation. „Na“, sagt er, „ob Sie das auch mögen, wenn hier alles voll ist mit seiner Familie … Bis zur Wand stehen die, überall.“ – „Stört mich nicht“, sage ich, „dann muß ich wenigstens mein eigenes Gejammer nicht hören.“ Martina lacht, Herr G. ist erneut verdrossen. Ich kann nicht behaupten, daß mir das leid tut.

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Abteilung: Man schreit deutsh, Selbstbespiegelung | Kommentare (3)

Der Blogger ist blockiert (2): Bulletin

Mittwoch, 13. Februar 2013 18:09

Erfolgreiche Rekanalisation, PTCA und Stent-
implantation von 2 medikamenten-
beschichteten Stents („Drug-eluting“) der RCA. Koronare 1-Gefäß-Erkrankung. LV-Funktion systolisch normal. EF 60 %. … Der Patient wurde postinterventionell mittels Monitoring überwacht und zeigte sich hierbei allzeit atem- und kreislaufstabil.

PS. Ich frage mich, wenn ich so was lese und abtippe: Dient es evtl. der atem- und kreislaufstabilisierenden Beruhigung des Patienten, medizinische Berichte allzeit in einem Jargon zu verfassen, den der Laie nicht zu dechiffrieren vermag? Um den Preis allerdings, daß der Kranke sich wie ein defekter Dieselmotor vorkommt oder wie eine kaputte Kaffeemaschine. – Jedenfalls trage ich jetzt zwei Spiralen („Stents“) in der rekanalisierten RCA spazieren und meine rechte Leiste fühlt sich postinterventionell so an, als hätte Zlatan Ibrahimović vollspann reingetreten. Trotzdem bin ich, das weiß ich, glimpflich davongekommen. Dafür danke ich meinen Ärzten, ganz gleich, wie ihr Jargon mich irritiert. (Was außerdem in Haus 4 A, Station 21, passierte: bald in diesem Blog.)

Episode 1: Verschlußsache
Episode 3: Kassiber
Episode 4: Rezept

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